Seit Anfang 2026 ist Dr. Johnny van Hove Chef der Berliner EAA. Im Gespräch erzählt er, warum Berlin als Inklusions-Inkubator für die gesamte Republik taugt, welche Rolle die EAA Berlin dabei spielen kann und warum er Unternehmer*innen insbesondere beim Thema Kündigungsschutz von Schwerbehinderten zu mehr Gelassenheit rät.
EAA: Herr Dr. van Hove, Seit Anfang 2026 befindet sich die EAA Berlin unter der Trägerschaft der Zentralstelle zur Weiterbildung im Handwerk (ZWH). Sie treten Ihren neuen Job zu einer Zeit an, die dynamischer kaum sein könnte. International reichen die Multikrisen unserer Zeit immer stärker in unseren Alltag hinein und regional sieht es hier in Berlin, insbesondere beim Thema Inklusion auch nicht gerade rosig aus: Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung ist mit 9.200 Menschen in der Hauptstadt heute so hoch wie seit Juni 2016 nicht mehr. Wo setzt die EAA in Berlin an?
Dr. Johnny van Hove: Ich kann Ihnen leider kein kurze Antwort darauf geben, wie wir die aktuellen Multikrisen lösen können. Was wir aber bei unseren Beratungsgesprächen immer wieder beobachten ist, dass sich eine allgemeine Unsicherheit in der Welt auch auf unternehmerische Entscheidungen auswirkt. Wer könnte es Unternehmer*innen verdenken, bei unsicherer Marktlage große Investitionen zu tätigen, oder eine inklusive Arbeitskultur zu etablieren? Gleichzeitig gilt aber auch: Der Fachkräftemangel, insbesondere im Handwerk, im Gesundheitssektor und in der Verwaltung trifft auch die Stadt Berlin mit zunehmender Wucht. Bei der EAA Berlin geht es uns darum, arbeitgebernah zu beraten. Das bedeutet einerseits, zu zeigen, wie Inklusion geht, andererseits aber auch, die Gelingensbedingungen dafür zu schaffen. Sei es durch Vernetzung mit unseren Partnern, Beratung beim Manövrieren im bürokratischen Dschungel bis hin zur Begleitung bei ganz konkreten Förderanliegen.
EAA: Bei vielen Unternehmer*innen gibt es immer noch Vorurteile, eine inklusive Arbeitskultur zu etablieren, oder schwerbehinderte Menschen einzustellen. Wie kann die EAA hier gegensteuern?
JvH: Man muss beide Fragen getrennt voneinander betrachten, auch wenn beide von derselben Grundprämisse ausgehen und die ist, dass Inklusion Arbeit macht. Und das tut sie in der Tat. von Unternehmer*innen zu erwarten, dass sie von heute auf morgen eine inklusive Unternehmenskultur aus dem Boden stampfen ist nicht nur illusorisch, sondern das Ergebnis wäre auch alles andere als nachhaltig. Eine inklusive Unternehmenskultur zu etablieren ist kein Sprint, sondern ein Marathon. War ist aber auch: Inklusion macht nicht nur Arbeit, sie schafft idealerweise auch welche. Wir erleben in unserer täglichen Arbeit, das Unternehmer*innen von positiven Effekten berichten, die die Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung mit sich bringt. Da geht es nicht nur um die Kommunikation im Team, die sich automatisch verbessert, weil Mitarbeitende plötzlich achtsamer miteinander umgehen. Unternehmer*innen berichten von positivem Feedback ihrer Kund*innen, wenn sie Menschen mit Schwerbehinderung im Kundenkontakt einsetzen. Natürlich muss man sich immer den konkreten Einzelfall ansehen, aber ich glaube, dass sich die Menschen, die sich unternehmerische Verantwortung wünschen auch bereit sind, diese zu honorieren. Der EAA geht es darum, diese Verantwortung zu ermöglichen.
EAA: Ein Thema, dass Arbeitgeber*innen beschäftig, ist der Kündigungsschutz den schwerbehinderte Menschen genießen. Was tun, wenn es nicht passt?
JvH: Grundsätzlich gilt, dass der Gesetzgeber hohe Hürden beim Kündigungsschutz von schwerbehinderten Menschen festgelegt hat und das ist auch gut so. Ich plädiere immer dafür, diese Frage vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es hilft uns nicht weiter, fiktive Szenarien zu konstruieren, in denen Unternehmer*innen das Nachsehen haben, weil ihnen ein abstrakter Kündigungsschutz unumkehrbare Probleme aufzwingt. So ist es nicht.
EAA: Was wäre denn dagegen ein realistisches, nicht konstruiertes Szenario?
JvH: Wenn Unternehmer*in einen Menschen mit Schwerbehinderung einstellen, geschieht das ja nicht zufällig. In der Regel gibt es ja einen konkreten Bedarf und eine unternehmerische Entscheidung, die zu diesem Schritt geführt hat. Man hat eine Stelle ausgeschrieben, intern Überzeugungsarbeit geleistet, das Team sensibilisiert, vielleicht den Arbeitsplatz barrierefrei gestaltet, und plötzlich will man diese Kolleg*in nur noch loswerden? So ein Beispiel wird unternehmerischer Ratio nicht gerecht, schlimmer, es leugnet sie sogar. Im Idealfall läuft es doch so: Ein Unternehmen begreift die Inklusion von Menschen mit Behinderung als Chance. Das bedingt auch eine gewisse Veränderungsbereitschaft, von der das gesamte Unternehmen profitieren kann. Niemand kann Unternehmer*innen garantieren, dass eine Stellenbesetzung durch Menschen ohne Behinderung automatisch zum perfect-match wird. Ich frage Sie: Warum sollten wir das dann von Menschen mit Schwerbehinderung erwarten? Unternehmen verfügen in der Regel über Routinen, um Konflikte mit Mitarbeiter*innen zu lösen. Personalgespräche, Mitarbeiterentwicklung, interne Umbesetzung. Das sind alles Maßnahmen, die auch bei Menschen mit Inklusionsbedarf zur Anwendung kommen können. In der Regel sind weitergehende Maßnahmen wie zum Beispiel das Jobcoaching auch förderfähig, die EAA kann hier beratend begleiten. Ich rate insgesamt beim Thema Kündigungsschutz zu etwas mehr Gelassenheit, denn die Annahme, dass Unternehmer*innen Menschen mit Schwerbehinderung nicht kündigen können, stimmt einfach nicht.
EAA: Was wünschen sie sich für das Thema Inklusion in Berlin?
JvH: Ich würde mir wünschen, dass die Stadt, das Thema Inklusion noch stärker als Chance begreift, einfach, weil es Berlin nicht nur als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschen ansteht, voranzugehen, sondern weil es meines Erachtens zur DNA der Stadt gehört, Vielfalt zu ermöglichen. Wir Berliner*innen rühmen uns ja ganz gern für den Pluralismus, den diese Stadt atmet und vergessen dabei ganz gerne, dass zur Vielfalt des Miteinanders auch die Vielfalt von Begabungen und Stärken gehört. Letztere bei Menschen mit Schwerbehinderungen zu erkennen, sollten wir uns in Berlin zueigen machen. Wo, wenn nicht hier?

